Einblicke in die italienische Esskultur

Bei unserem letzten Jour Fixe zum Thema Philosophie des Essens haben wir uns mit der italienischen Esskultur beschäftigt. Wie kaum ein anderes Land übt Italien eine Faszination auf uns Deutsche aus – hervorgerufen durch die oftmals grundverschiedene Lebensart.

Die Food-Aktivistin Veronica Veneziano erklärte uns in einem persönlichen Einstieg ihre eigenen Erfahrungen als Italienerin in Deutschland. Als sie vor über zwanzig Jahren nach Berlin zog, erlebte sie einen Kulturschock, der sich insbesondere bezüglich der deutschen Esskultur äußerte. Die Qualität der Lebensmittel enttäuschte, um nicht zu sagen schockierte sie. An die geringere Wertschätzung für gutes Essen konnte sie sich bis heute nicht gewöhnen, auch wenn sich in den letzten Jahren gerade Berlin kulinarisch enorm weiterentwickelt hat. Das Beispiel der Tiefkühlpizza in deutschen Supermärkten – in Italien zu Beginn ein absolutes No-Go – bringt den Unterschied auf den Punkt. Eine gewisse Arroganz gegenüber anderen Esskulturen schwingt laut Veronica bei vielen Italienern mit.

Die italienische Liebe zum Essen spiegelt sich speziell in der guten Qualität und einer schlichten, aber liebevoll durchdachten Zubereitungsart wider. Es gibt zahlreiche Gerichte, die nur aus wenigen Zutaten bestehen. Viele der heute so beliebten Spezialitäten stammen von der einfachen Küche der Bauern.

Die Entwicklung der italienischen Küche wurde uns in Form einer kleinen literarischen Reise nähergebracht. Christoph Klotter zitierte Passagen aus Klassikern wie Aus dem Leben eines Taugenichts. Italien wird dort als Schlaraffenland dargestellt: in einem „herrschaftlichen Zimmer“ mit „prächtigen Tapeten“ und einem „ungeheuren Spiegel“ stand ein gedeckter Tisch mit „Braten, Kuchen, Salat, Obst, Wein und Konfekt, dass einem recht das Herz im Leibe lachte“. Wenn der „Taugenichts“ nicht gerade schlemmte, lag er auch „oft stundenlang im Garten im hohen Grase“.

Ästhetik, Genuss und Lebensfreude ziehen sich wie ein roter Faden durch von Eichendorffs Novelle. Damit einher gehen aber auch ein gewisser Narzissmus und Müßiggang („die Glieder gingen mir von dem ewigen Nichtstun ordentlich aus allen Gelenken“). Attribute, die im Kontrast zur preußischen beziehungsweise protestantischen Mäßigung und Ordnung stehen und dem „Taugenichts“ den Appetit auf deutsches Essen verderben.

Im 18. Jahrhundert rückte Frankreich als neue Kulturnation in den Mittelpunkt und brachte eine Tafelordnung, in der das Auge die Nase entthronte. Von nun an herrschte eine geometrische Ordnung und mathematische Vernunft vor, die Italien wiederum zum Sehnsuchtsort für das einfache, aber gute Essen werden ließ.

Diese gesunde und schöne Schlichtheit ist das, was wir bis heute mit der italienischen Küche verbinden. Gepaart mit der stereotypischen genussvollen Gelassenheit entsteht das hierzulande von vielen geschätzte Charakterbild. Das Bewusstsein für Ernährung scheint in unserer schnelllebigen Zeit allerdings auch in Italien nachgelassen zu haben und die Zahl Übergewichtiger ist deutlich in die Höhe geschnellt. Italien hat sich in den letzten Jahren sogar der verteufelten Tiefkühlpizza geöffnet. Wo soll das nur hinführen? 😉

 

Übrigens: Bei unserem nächsten Jour Fixe befassen wir uns mit Thomas Jefferson, dem ersten Foodie! Wir diskutieren zusammen mit Satellite Berlin über sein Erbe, und was wir von seinem kulinarischen Lebensstil noch heute lernen können.

 

von Teresa Sophie Rath

 

DiderotAdmin
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